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Das Weinjahr 2014 und der Waadtländer Chablais

Wie immer im Spätsommer oder spätestens beim Übergang zum aufziehenden Herbst steigt bei uns Winzern der Adrenalinspiegel.

Unser besorgter Blick schweift dann allmorgendlich zum Himmel, um das bevorstehende Wetter abschätzen zu können, und wir kontrollieren mit höchster Aufmerksamkeit Weinberg um Weinberg. Ebenso wie ein Künstler am Vorabend seiner Ausstellung sind wir angespannt und auch ein wenig nervös. Voller Ungeduld fragen wir uns, wie wohl das Ergebnis eines ganzen Jahres voller Arbeit ausfallen wird. Im Unterschied zum Künstler aber hängt der Erfolg unserer Arbeit nicht ausschliesslich von uns alleine ab, sondern auch von der Natur und deren Launenhaftigkeit.

Der diesjährige katastrophale beziehungsweise schlicht ausgebliebene Sommer ist bereits vergessen.  Die Sommersonne ist zwar ein wichtiger, nicht aber ein entscheidender Faktor für die Reifung der Trauben. Weitaus wichtiger für die Qualität der Früchte sind ein schöner Frühling und – in mehrfacher Hinsicht – ein ebenso schöner Herbst. So betrachtet sind die derzeitigen Wettervoraussetzungen ausgesprochen günstig: Kühle Nächte und sommerliche Temperaturen während des Tages tragen zu einer guten Traubenreife bei. So kann die geringfügige Reifeverzögerung als Folge der trüben Wetterperiode von Ende Juni bis Mitte August mit Niederschlagsmengen, die bei uns selten in diesem Ausmass anzutreffen sind, wettgemacht werden.  Der kontinuierlich ansteigende Zuckergehalt, ausgedrückt in Oechsle-Graden, ist dem schönen Wetter zu verdanken, das seit nunmehr drei Wochen bei uns herrscht.

Leider hat das Auftauchen eines unerwarteten und unerwünschten Gastes in unseren Rebbergen (gemeinhin «Drosophila suzukii» oder auch Kirschessigfliege genannt) unsere Hoffnungen, unsere Vorfreude und auch unsere Euphorie etwas getrübt. Dieser Schädling war bislang im Waadtländer Chablais unbekannt und stellt für uns Winzer eine neue Herausforderung dar. Eine Anzahl Weinberge (derzeit sind rote Rebsorten besonders gefährdet) weisen das gleiche Schadbild auf, wie wir es von anderen Weinregionen her kennen. Wir verfolgen die Entwicklung des Schädlings mit grösster Aufmerksamkeit. Niemals zuvor haben der Anbauleiter und der Önologe bei der Planung der Reblese so intensiv zusammengearbeitet wie in diesem Jahr. Um ein qualitativ gutes Ergebnis zu erzielen sind heuer ein hohes Mass an Flexibilität, Disziplin und Geduld gefragt.

Bei sehr frühreifen oder aber stark befallenen Sorten wurde  bereits mit der Lese begonnen. Gegen Ende September oder Anfang Oktober dann nimmt die Lesetätigkeit je nach Reifegrad der Trauben stark zu und zieht sich bei den späteren Rebsorten, sofern die Natur mitspielt, bis Ende Oktober hin. 

Gemäss den letzten Probenahmen ist die physiologische Reife der Früchte (Zucker- und Säuregehalt) bei einer Vielzahl von Rebhängen erreicht, sodass mit der Weinlese begonnen werden kann. Was die Qualität der Farbe und der Tannine (Phenolreife) anbelangt, sehe ich noch ein gewisses Optimierungspotenzial, immer vorausgesetzt, dass das Wetter oder die Kirschessigfliege uns keinen Strich durch die Rechnung macht. Wir wollen eine bestmögliche Weinqualität erreichen, damit unsere Kunden bei den ersten Degustationen ab kommendem Frühjahr rundum zufrieden sind.

Henri BADOUX SA – WEINE, 1860 AIGLE

Kurt Egli, Geschäftsführer