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Interview

Für mein Doktorat an der Universität Lausanne habe ich molekulare, DNA-basierte Verfahren verwendet, um verschiedene Pflanzengruppen zu klassifizieren.

1. Was hat Sie inspiriert sich in dieses aussergewöhnliche Forschungsgebiet zu vertiefen?

Da ich mich ausserdem sehr für Wein und Degustation interessiere, wollte ich das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden und diese Technik auf die Rebsorten anwenden. Nach meinem Doktorat erhielt ich vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung ein einjähriges postdoktorales Forschungsstipendium an der Universität Davis (Kalifornien) bei Prof. Carole Meredith, der zu jener Zeit renommiertesten Professorin dieses Fachbereichs. So brach ich 2001 in die USA auf, den Koffer voller Röhrchen mit der DNA aller Rebsorten der Schweiz sowie zahlreicher Rebsorten der benachbarten Regionen. Dort erwarteten mich nicht wenige Überraschungen, wie die Entdeckung der Eltern des Walliser Cornalin aus dem Aostatal oder der Anbau des Completer aus Graubünden (Wallis).

2. Wie viele Rebsorten haben Sie bis jetzt untersucht?

Unser Nachschlagewerk Wine Grapes (Allen Lane 2012) beschreibt 1368 weltweit für die Weinproduktion verwendete Rebsorten. Beim Auszählen der Rebsorten, die ich bereits sortenrein oder als Assemblage verkostet habe, bin ich auf ungefähr 550 gekommen! Damit könnte ich problemlos Mitglied des «Wine Century Club» werden, der 2005 in den USA gegründet wurde: Für die Aufnahme in diesen Club muss man mindestens 100 Rebsorten verkostet haben.

3. Was sind die ältesten Walliser Rebsorten?

Die ältesten Rebsorten des Wallis sind der Resi und der Humagne Blanche. Sie wurden 1313 zum ersten Mal im Register von Anniviers erwähnt, einer Sammlung von Pergamentseiten. Hier ist auch zu lesen, dass ein jährlicher Zins in Form ausgereifter Trauben der Sorten Humagny und Regy (heute Humagne Blanche und Resi) geleistet werden musste. Diese beiden Rebsorten waren einst die im Wallis am weitesten verbreiteten. Jedoch veränderte der Einzug des Fendant und Pinot 1848 die Zusammensetzung der Weinberge vollständig: Alte, als schwierig oder wenig produktiv geltende Rebsorten mussten weichen, und so sind heute nur noch 29 Hektar Humagne Blanche und 2,5 Hektar Resi im Wallis und weltweit übrig.

4. Weshalb haben im Wallis vergleichsweise so viele alte Rebsorten überlebt?

Bis zur Ankunft der Eisenbahn 1860 war das Mittelwallis quasi autark, insbesondere die nur schwer zugänglichen Seitentäler. Um zu überleben, musste man sich lokale Lösungen für Kleidung, Möbel und Nahrung überlegen, und so erfanden die Bewohner das Trockenfleisch, Roggenbrot und Raclette, um so im Winter von ihren Vorräten leben zu können. Der Austausch mit der Region Genfersee war begrenzt, er fand eher über die Pässe mit dem angrenzenden Italien statt. Daher gibt es zahlreiche genetische Verbindungen zwischen den Rebsorten des Wallis und des Aostatals, wo sie sich auf beiden Seiten des Grossen St. Bernhard durch sukzessive Kreuzungen diversifiziert haben. So entstand die aktuelle wertvolle Sortenvielfalt autochthoner Rebsorten. Hinzu kamen zahlreiche ab Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführte Rebsorten, an erster Stelle der Fendant (oder Gutedel), der Pinot Noir, der Gamay und der Sylvaner, die die autochthonen Sorten verdrängt haben und heute 75 % der Anbauflächen ausmachen.

5. Setzen Sie sich für die Erhaltung von aussterbenden Rebsorten ein?

Die Erhaltung und erneute Nutzung alter Weinstöcke ist meiner Meinung nach essenziell, und ich habe im Rahmen meiner Möglichkeiten aktiv daran mitgewirkt. 2007 habe ich den Diolle wiederentdeckt, eine alte, bereits verloren geglaubte Rebsorte aus dem Mittelwallis. Mithilfe des DNA-Tests konnte ich nachweisen, dass es sich um einen Sprössling des Resi handelt und damit um eine autochthone Rebsorte. Mit meinem Freund Didier Joris, einem der bekanntesten Selbstkelterer der Schweiz, haben wir damit 300 m2 in Chamoson (Wallis) bepflanzt und erwarten die erste Ernte 2018. Ausserdem habe ich das mutige Projekt von Olivier Pittet unterstützt, der in Fully (Wallis) 2010 die alte Rebsorte Grosse Arvine der Weinberge in Martigny, Fully und Saillon wiederentdeckt und erneut angebaut hat. Mit dem DNA-Test konnte ich nachweisen, dass es sich ebenfalls um ein Kind des Resi, wahrscheinlich um ein Grosskind des Petite Arvine und damit ebenfalls um eine autochthone Rebsorte handelt. Im Jahr 2010 habe ich zudem zusammen mit meinem Freund Josef-Marie Chanton, Produzent aus Viège mit dem Spitznamen «Archäologe der Weinstöcke», die Vereinigung VinEsch (www.vinesch.ch) gegründet, um einen historischen Weinberg zu erhalten, auf dem wir derzeit vier alte Rebsorten anbauen: Landroter (auf Französisch Cornalin oder Rouge du Pays), Himbertscha (historische Rebsorte aus der Region), Completer (historische Rebsorte aus Graubünden, die erst vor kurzem im Wallis wiederentdeckt wurde) sowie eine uns unbekannte Rebsorte, die wir VinEsch Roter getauft haben.

PD: Ich habe ausserdem an weiteren Erhaltungsprogrammen im Ausland (Italien, Österreich, Frankreich, Türkei, Armenien etc.) mitgewirkt, die ich Ihnen auf Wunsch gerne genauer erläutern kann.

6. Welches ist Ihre Lieblingsrebsorte?

Meine Lieblings-Rebsorte in der Schweiz ist der Completer. Es handelt sich dabei um eine alte Rebsorte aus der Region von Malans in Graubünden, wo sie zum ersten Mal 1321 erwähnt wurde. Ihr Name kommt von «Complies» (dt. Komplet), dem Nachtgebet der Benediktinermönche, die dabei schweigend ein Glas davon trinken durften. Dank des DNA-Tests und der Zusammenarbeit mit Fachleuten konnte ich ihre historische Präsenz im Oberwallis nachweisen, wo aus ihm die seltene Rebsorte Lafnetscha hervorging. Sie ist schwierig im Anbau und «störrisch» in der Kellerei und darum nur auf 3,7 Hektar in Graubünden und 0,4 Hektar im Wallis zu finden. In den richtigen Händen können daraus aussergewöhnliche Weine entstehen mit einer einzigartigen Mischung aus Quitten- und Honigaroma und einer gleichzeitig üppigen und doch zarten Struktur sowie grossartigem Alterungspotenzial.