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Arvine und Cornalin

Arvine ist zweifellos die charakteristischste autochthone Rebsorte des Wallis und Cornalin gilt als Aushängeschild der autochthonen Rebsorten des Wallis.

Arvine

Arvine ist zweifellos die charakteristischste autochthone Rebsorte des Wallis. Der Legende nach soll sie bereits von den Römern eingeführt worden sein, es gibt jedoch keine überzeugenden Nachweise für diese Behauptung. In den Archiven wurde sie erstmals 1602 in einem Rebberg in der Nähe von Sitten erwähnt und zwar unter dem Dialektnamen Arvina, der allenfalls vom lateinischen Arvena abgeleitet wurde, was möglicherweise so viel wie «soeben angekommen» bedeutet. Dieser Name wurde ihr anscheinend bei der damaligen Einführung im Wallis gegeben, was erklären würde, dass Arvine praktisch keine direkte Verbindung zu den übrigen alpinen Rebsorten hat. Die Herkunft lässt sich auch mittels Genanalyse nicht feststellen, aber ihre «Eltern» wären heute wahrscheinlich sowieso verschwunden. Arvine ist also ein Waisenkind. Ab dem 19. Jahrhundert wurde die Rebsorte zur Unterscheidung von der Sorte Grosse Arvine, deren Vorfahrin sie wahrscheinlich ist, häufig auch Petite Arvine genannt. Arvine wird fast ausschliesslich im Wallis angebaut (99,7 Prozent der 2016 ermittelten 186,4 Hektaren) und dort zur Herstellung von trockenen Weinen sowie Dessertweinen («Flétris» im Wallis) verwendet, die aufgrund ihrer Zitrus-, Rhabarber- und Grapefruitnoten, der üppigen Struktur, der lebhaften Säure und des salzigen Abgangs auch im Ausland sehr bekannt und beliebt sind. Man findet diese Sorte vereinzelt auch in anderen Schweizer Kantonen sowie einige Hektaren im italienischen Aostatal, wo sie 1970 eingeführt wurde. 1992 pflanzte Angelo Gaja, der als bester Produzent Italiens gilt, im Piemont Arvine an, doch das Resultat war nach seinen eigenen Worten «katastrophal». In Frankreich wurden einige Rebberge im Languedoc-Roussillon mit Arvine bepflanzt und 2011 nahm der ständige technische Ausschuss der Kulturpflanzenzüchtung diese Rebsorte in den amtlichen Sortenkatalog auf.

Cornalin

Seit einigen Jahrzehnten gilt Cornalin als Aushängeschild der autochthonen Rebsorten des Wallis. Traditionellerweise wurde die Rebsorte ganz einfach Rouge du Pays oder im Oberwallis Landroter genannt. Dieser Name erscheint erstmals 1878, denn die früheren Dokumente nannten ihn schnörkellos «le rouge» (der Rote) oder «les rouges» (die Roten). 1972 wurde die Sorte in Anlehnung an eine Rebsorte aus dem Aostatal in Cornalin umbenannt. Diese Neubezeichnung basierte offensichtlich auf einer Vorahnung, denn die DNA-Analyse ergab, dass es sich um eine spontane Kreuzung zwischen den zwei im Aostatal heimischen Sorten Petit Rouge und Mayolet handelte, die oft in den gleichen Rebbergen angebaut wurden, wie beispielsweise der berühmte Torrette, der aus der Nähe von Aosta kommt. Cornalin stammt also aus dem Aostatal, wo die Sorte heute verschwunden ist, und gelangte vermutlich vor langer Zeit über den Grossen Sankt Bernhard ins Wallis. Wie viele andere autochthone Rebsorten wurde Cornalin im 20. Jahrhundert grösstenteils durch Chasselas, Pinot Noir, Gamay und Sylvaner verdrängt, die ertragreicher und einfacher anzubauen sind. Denn Cornalin ist anfällig für Magnesiummangel, was die Reifung blockieren und zur typischen Rötung der Blätter führen kann. Zudem ist die Produktion schwankend: Auf ein gutes Jahr folgt in der Regel ein sehr schlechtes. Cornalin war vom Aussterben bedroht, bevor eine Gruppe von Liebhabern die Sorte rettete. 2016 betrug die mit Cornalin angebaute Fläche allein im Wallis 139,2 Hektaren. Auf den kargen, gut drainierten Böden bringt diese Sorte mit einem guten Produktionsmanagement grosse Weine mit markantem alpinem Charakter, feinen Kirschenaromen, seidigen Tanninen und angenehmer Säure hervor.

Dr. José Vouillamoz, Juli 2017