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Armenien

In meinem letzten Newsletter habe ich Ihnen die Vinifikation in Qvevri vorgestellt. Bei dieser in Georgien üblichen, jahrtausendealten Methode werden die ganzen Trauben einschliesslich ihrer Stiele und Kerne in grossen, versiegelten und in der Erde eingegrabenen Amphoren über mehrere Monate fermentiert

In Armenien ist ein ähnliches Verfahren bekannt: Dort verwendet man zur Weinbereitung halb eingegrabene Terrakottagefässe, die so genannten Karas. Zwar gilt Armenien als eine der Wiegen des Weins, doch haben der Völkermord von 1915 und die anschliessende Hegemonie der ehemaligen Sowjetunion von 1920 bis 1991 der Vielfalt der alten Rebsorten ein Ende gesetzt, da die Armenier fortan Weinbrand aus sehr viel ergiebigeren Neuzüchtungen produzieren mussten. Als Antwort auf diese Verarmung des weinkulturellen Erbes wurde im Jahr 2009 der Keller Trinity Canyon Vineyards gegründet: von drei (daher der Name) passionierten Weinliebhabern, die an die uralte Tradition der Vinifikation in Karas anknüpfen. Ich freue mich sehr, den Mitgliedern von Coop Mondovino nun eine absolute Exklusivität anbieten zu können, denn es ist uns tatsächlich gelungen, die weltweit letzten 504 Flaschen dieses Weins zu erhalten! Wer zuerst kommt ...

 

Die Rebsorte Areni

Areni ist die wichtigste indigene rote Rebsorte Armeniens. Ihr Name geht auf das im Süden Armeniens, in der Region von Wajoz Dsor gelegene Dorf Areni zurück. Für mich ist diese rote Traube eine der vielversprechendsten Entdeckungen überhaupt. Meinen ersten Areni habe ich 2003 im gleichnamigen Dorf verkostet. Trotz der damals nicht eben ausgereiften Kellerhygiene hat mich dieser Rotwein mit seiner Fruchtigkeit und Tiefe, seinen seidigen Tanninen und dem langen Nachhall fasziniert. Zurück in der Schweiz führte ich eine Blinddegustation mit mehreren Freunden durch, die alle vermuteten, einen sehr guten Barolo im Glas zu haben. Angesichts der heute üblichen, weitaus moderneren Kellertechniken beweist diese Rebsorte nun schon seit einigen Jahren ihr Potenzial, indem sie Weine hervorbringt, die es durchaus mit den besten der Welt aufnehmen können!

 

Die Höhle von Areni

Im Jahr 2011 machte eine Gruppe von Archäologen eine Entdeckung, die in den Weinjournalen für grosses Aufsehen sorgte: In einer 6100 Jahre alten Höhle in der Nähe von Areni waren die weltweit ältesten Zeugnisse der Weinbereitung gefunden worden. Die Reste von Traubenkernen, -stielen und Weinpressen sowie die eingegrabenen Karas, auf die man in dieser Höhle stiess, zeugen von einer Vinifikation, die allerdings weniger dem Weingenuss, wie wir ihn heute kennen, diente: Der Wein war vermutlich eine rituelle Opfergabe für die Vorfahren, für Geister oder Götter. Tatsächlich fand man am Boden einiger Karas winzige Kinderschädel, was auf makabere rituelle Menschenopfer schliessen lässt.

Karas oder die Privatisierung eines Kulturerbes

Die Vinifikation in Karas ist ein jahrtausendealtes Verfahren zur Weinbereitung und Teil des kulturellen Erbes Armeniens. Zorik Gharibian, der Gründer des Weinguts Zorah Wines, Exilarmenier und Besitzer einer Bekleidungsfirma in Mailand, war einer der ersten, der das uralte Verfahren wiederentdeckte. Seinen ersten Jahrgangswein, den er 2010 in den Handel brachte, nannte er «Karasi», was so viel heisst wie «aus Karas». Im gleichen Jahr wurde auch Karas Wines, das Weingut von Eduardo Eurnekian, gegründet. Der ursprünglich aus Armenien stammende, steinreiche argentinische Medienmogul ist auch Eigentümer des Flughafens der armenischen Hauptstadt Jerewan und des 2300 Hektar grossen Weinguts Tierras de Armenia in Armenien. Dieser «Magnat mit dem sehr langen Arm» verklagte Zorah Wines im Jahr 2016 und erhielt 2018 aufgrund eines besonders unrühmlichen Urteils des armenischen Kassationsgerichts das alleinige Recht zur kommerziellen Nutzung des Begriffs Karas. Zwar legte Zorik Gharibian gegen diesen empörenden Richterspruch, der das kulturelle Erbe des Landes missachtet, Berufung ein, doch blieben seine Bemühungen trotz der Unterstützung zahlreicher Persönlichkeiten der Weinwelt, der auch ich angehöre, bisher erfolglos. Die Kritik richtet sich insbesondere gegen die unsägliche Korruption. Die Ironie der Geschichte: Karas Wines verwendet zur Herstellung seiner Weine, die fast ausschliesslich aus internationalen Rebsorten gekeltert werden, überhaupt keine Karas!

Trinity Canyon Vineyards

Die Weinkellerei Trinity Canyon Vineyards wurde 2009 von drei Freunden in der Region von Wajoz Dsor, unweit des Dorfes Areni, gegründet: Hovakim Saghatelyan (Geschäftsführer), Levon Hakobyan (Chef Weinanbau) und Artem Parseghyan (Önologe). Die autochtonen und internationalen Rebsorten, die in 1250 à 1450 Metern Höhe wachsen, sind alle wurzelecht (ohne Unterlage), da es in dieser Region bisher keine Rebläuse gibt.

 

Interview mit Artem Parseghyan, Önologe der Trinity Canyon Vineyards

José Vouillamoz: Warum haben Sie das Weingut Trinity Canyon Vineyards gegründet?
Artem Parseghyan
: Hovakim Saghatelyan gründete die Kellerei im Jahr 2009, nachdem er 20 Jahre in den USA gelebt hatte. Seit er die fantastischen Weinbaugebiete des Napa Valley gesehen hatte, träumte er davon, eines Tages in seinem Heimatland Armenien Wein anzubauen. Gute armenische Weine zu finden, war damals noch schwierig und die Nachfrage der Gastronomie hoch. Ich stiess 2013 als Kellermeister zu diesem Team, nachdem ich meinen Master in Weinanbau an der SupAgro in Montpellier (Frankreich) und an der Universität Geisenheim (Deutschland) abgeschlossen hatte. Wir haben dann den Keller von Wajoz Dsor aufgebaut, wo wir bis heute produzieren.

JV: Warum haben Sie beschlossen, die Cuvée Areni Ancestors’ in Karas zu vinifizieren?
AP
: Wir haben mit vielen verschiedenen Verfahren experimentiert (u. a. Assemblage, Mazeration, Fermentation, Reifung in Barriques, Karas). Dabei hat sich die seit 2014 getestete Vinifikation in Karas eindeutig als das wichtigste Verfahren erwiesen. Dank dieser traditionellen Art der Weinherstellung haben wir eine ungefähre Vorstellung davon, wie die Weine der Region vor einigen tausend Jahren geschmeckt haben müssen. Ausserdem hat die Weinbereitung in Karas auch etwas Mysteriöses: Man lässt die Trauben in den geschlossenen und halb eingegrabenen Karas fünf bis sechs Monate lang fermentieren, um dann von jedem Jahrgang aufs Neue überrascht zu werden.

JV: Was halten Sie von der kürzlich erlaubten Privatisierung des Begriffs Karas und wie können wir Sie aus der Ferne unterstützen?
AP
: Die ganze Geschichte ist absolut verrückt. Wir haben nichts gegen die Familie Eurnekian und die Firma Tierras de Armenia, aber die Monopolisierung eines Begriffs, der zum kulturellen Erbe unseres Landes gehört, ist einfach inakzeptabel. Wir werden gemeinsam mit anderen Weinanbauern für den Fortbestand dieser Tradition kämpfen und streben an, dass die OIV oder die UNESVO das Herstellungsverfahrens als Kulturerbe anerkennt, so wie die in Georgien übliche Vinifikation in Qvevris. Um diesen Kampf zu gewinnen, brauchen wir die Unterstützung der Weinfachleute in aller Welt!

JV: Wie viele Flaschen Areni Ancestors’ produzieren Sie?
AP
: Zwischen 1000 und 2000 Flaschen, je nach Jahrgang. Möglicherweise können wir in Zukunft etwas mehr produzieren, aber wohl nur in aussergewöhnlich guten Jahrgängen. Der Wein ist vollkommen naturbelassen; er enthält keine Sulfite, wird nicht gefiltert und nicht geklärt.

JV: Zu welchen Gerichten würden Sie den Areni Ancestors’ empfehlen?
AP
: Der Wein passt gut zu kurzgebratenem Fleisch (Lamm oder Schwein) oder zu Hartkäsesorten, aber auch pikante Gerichte werden durch das Säurespiel des Areni harmonisch ergänzt.

Areni Ancestors’ 2016, Trinity Canyon Vineyards
Der Wein aus der roten Areni-Traube, die an den hundertjährigen wurzelechten Rebstöcken wächst, überrascht immer wieder! Nach einer vierwöchigen Fermentation mit autochtonen Hefen (Naturhefen) in Karas reift der Wein noch fünf weitere Monate in den Tongefässen, bevor er ohne weitere Behandlung in Flaschen abgefüllt wird. Sein Bouquet entfaltet eine komplexe Mischung aus Röstaromen, mit Noten von Graphit, Rauch, Weihrauch und Kreide und den fruchtigen Aromen von schwarzen Kirschen, Cranberrys und Johannisbeeren. Im Mund bleibt er fruchtig, mit runden und weichen Tanninen, zu denen sich eine angenehme Säure gesellt. Im Abgang zeigt er sich frisch und leicht bitter, mit Anklängen an schwarze Oliven. Ein nicht alltäglicher Wein, der Ihre Gäste angenehm überraschen wird!

Ihr Weinexperte Dr. José Vouillamoz