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Interview mit dem neuen Master aus der Schweiz

Prüfung bestanden! Jan Schwarzenbach, Leiter Direktverkauf Wein bei Coop und ausgebildeter Önologe, hat allen Grund die Korken knallen zu lassen: Seit Anfang März 2016 trägt er den Titel «Master of Wine».

Der Titel «Master of Wine» klingt irgendwie nach viel Spass, nach Wein trinken und feuchtfröhlichen Abenden. Doch das 1953 erstmals durchgeführte Examen ist eine ziemlich taffe? (harter/zäher Brocken) Sache: In den vergangenen Jahren hat jeweils maximal ein Drittel der Prüflinge die Hürde geschafft, in manchen Jahren scheitern sogar bis zu 90 Prozent. Und so sind es lediglich 338 Personen weltweit, die den begehrten Titel tragen dürfen. Wobei, seit letzter Woche sind es ein paar mehr: Jan Schwarzenbach ist einer von ihnen.

 

So als frischgebackener Master of Wine. Erinnern Sie sich an ihr erstes Glas Wein?
Jan: Nein, ich habe keine Ahnung mehr, was das war. Aber es war sicher nicht das beste Glas Wein meines Lebens! (lacht) Das war irgendwann in meinen Teenagerjahren und  da war nicht die Qualität, sondern waren der günstige Preis und der Alkoholgehalt entscheidend.

 

Das klingt nicht so, als wäre immer klar gewesen, dass Wein in Ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen wird?
Jan: Ich bin eher durch Zufall zum Wein gekommen, ich stamme ja auch nicht aus einer Weinfamilie. Als es ans Studieren ging, zog es mich in Richtung Naturwissenschaften: Vor allem Biologie war eine Option. Schliesslich landete ich bei Önologie und Rebbau. Bereut habe ich es nie.

 

Was fasziniert Sie am Wein?
Jan: Die Vielfalt! Es gibt unendlich viele Aromen, Sorten und Herstellungsarten – kein Wein ist gleich wie der andere. Ich liebe auch das Zusammenspiel von Wein und Essen: Denn ich koche sehr gern.

 

Was hat Sie an der Ausbildung zum Master of Wine gereizt?
Jan: Ich habe es mir unheimlich spannend und interessant vorgestellt – was es dann auch war. Ausserdem hoffe ich, dass der Titel  mir auch hilft, das Thema Wein noch besser unter die Leute zu bringen.

 

Warum ist Ihnen das ein Anliegen?
Jan: Niemand ist gezwungen, sich für Wein interessieren – ich finde aber, dann verpasst man etwas. Darum möchte ich möglichst vielen Menschen einen Zugang zur Welt des Weines öffnen.

 

Sie sind gelernter Önologe und befassen sich tagtäglich mit Wein – da sollte so eine Prüfung eigentlich ein Klacks sein, oder?
Jan: Schön wäre es – tatsächlich habe ich über sieben Jahre lang intensiv darauf hingearbeitet. Es wird enorm viel an Wissen und auch Können verlangt.

 

Was heisst das konkret?
Jan: Nehmen wir als Beispiel das Degustieren: Klar konnte ich das vorher schon. Aber das Tempo und die Genauigkeit die am Examen verlangt werden, ist eine komplett andere Dimension.

 

Wie muss ich mir das vorstellen? Müssen die Prüflinge erklären, in welchem Dorf die Trauben gereift sind, ob am Süd- oder Osthang?
Jan: So ähnlich – aber man hat gewisse Angaben für die zwölf zu verkostenden Weine. Es wird zum Beispiel gesagt, dass es sich um vier verschiedene Rebsorten handelt, die zwar aus dem gleichen Land stammen, aber nicht aus gleichen Region.

 

Und das kriegt man hin?
Jan: Mit dem entsprechenden Training – ja.

 

Ist es mit so viel Wissen überhaupt noch möglich, ein Glas Wein zu einfach zu geniessen? Oder kommen Sie sofort ins vergleichen und analysieren?
Jan: Der Spass am Wein geht während der Vorbereitungszeit tatsächlich ein wenig verloren! Aber jetzt geht es wieder. Seit den Degustationsprüfungen sind ja schon fast drei Jahre vergangen.

 

Sie meinen, Sie würden die Prüfung heute nicht mehr bestehen?
Jan: Ich vergleiche das Ganze mit einem Marathon: da rennt man ja auch nicht einfach drauflos, sondern trainiert gezielt auf einen Termin hin, um beim Rennen in Hochform zu sein.

 

Was war das Thema Ihrer Diplomarbeit?
Jan: Ich habe mich mit dem  Kaufverhalten von Multichannel-Weinkunden befasst.

 

Das klingt sehr technisch – und mit Verlaub – eher trocken...
Jan: Das täuscht: Ich habe das Verhalten von Weingeniessern unter die Lupe genommen, die ihren Wein sowohl im Laden als auch Online kaufen. Das war sehr interessant. Und die Ergebnisse kommen mir natürlich auch im Job zugute.

 

Welchen Wein würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Jan: Da wäre wohl eher eine Flasche Wasser angebracht. (lacht) Einen klaren Lieblingswein habe ich so oder so nicht, das ändert je nach Jahreszeit, Laune oder dem Essen, das auf dem Tisch steht.  Grundsätzlich mag ich Abwechslung.

 

Aber es gibt doch sicher einen  Wein, von dem Sie mehrere Kisten im Keller stehen haben?
Jan: Nein. Ich habe zwar ziemlich  viel Wein in meinem Keller.. Dennoch kaufe ich nur sehr selten mehr als eine ganze Kiste Wein aufs Mal. Meistens sind es drei oder sechs Flaschen. Wie gesagt: Ich mag Abwechslung.

 

Sie haben aber dennoch ihre Wein-Lieblingsthemen...
Jan: Ich bin eher klassisch orientiert und finde das Bordeaux,das Burgund und das Rhônetal sehr spannend. Vor knapp drei Jahren hat es mir auch beim Champagner den Ärmel reingenommen. Und im letzten Oktober war ich in Jerez: mit den ganzen Sherrys- und Portweinen hat sich mir ebenfalls ein packendes Themengebiet eröffnet. Ich bin seit meinem Studium auch ein grosser Fan von australischem Shiraz.

 

Wie ist ihr Kontakt zu den anderen in der Schweiz lebenden Master of Wines?
Jan: Grundsätzlich ist die Schweizer Weinwelt sehr übersichtlich. Robin Kick MW, die aus den USA kommt, aber im Tessin wohnt und arbeitet, habe ich  mehrfach getroffen. Den in Stallikon wohnhaften Schotten Paul Liversedge MW habe ich an einem der Tastings in London kennengelernt. Seither ist der Kontakt nicht abgebrochen. Ivan Barbic MW kenne ich schon länger und habe regelmässigen Kontakt, einzig Philipp Schwander MW kenne ich nicht persönlich.

 

Die Zahl der Masters of Wine in der Schweiz nimmt zu, wird der Platz nicht langsam eng?
Jan: Nein, das finde ich nicht. Was spricht dagegen, wenn wir in einigen Jahren 30 Masters of Wine in der Schweiz haben? Das wäre sogar ganz gut!

 

Regula Bättig, Redaktorin Coopzeitung