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Etikettentrinker

Der Einfluss des Renommees eines Weins, eines Herstellers oder einer Appellation auf die Beurteilung eines Weins ist enorm.

Die Blind-Degustation erlaubt es, den emotionalen Teil der Weindegustation zu relativieren.

Seit langer Zeit geht der Wein mit dem Sozialstatus des Weintrinkers einher. Bis ins 19. Jahrhundert war der Wein das hygienische Getränk des christlichen Abendlandes. Er kam in praktisch allen Familien auf den Tisch, da er gesünder war als das Wasser, durch welches sich Krankheiten verbreiteten. In gehobeneren Kreisen versuchte man, sich mit den erlesensten und seltensten Tropfen vom gewöhnlichen Volk abzuheben. Heutzutage ist der Wein, so wie die meisten anderen Lebensmittel, «demokratisiert», und die Weine der historischen Weinanbaugebiete sind jedem zugänglich, der bereit ist, den vom Markt diktierten Preis zu zahlen. In den letzten Jahrzehnten hat die Verbreitung der Weine aus Übersee mit ihren gezielten Marketingmethoden die Vorherrschaft der historischen Appellationen in Frage gestellt; es sind neue Spitzenweine entstanden, die auch preislich selbst mit den grössten Bordeaux- und Burgunderweinen auf Augenhöhe sind.

Ich hatte oftmals Gelegenheit, unter Freunden Weine mit verschiedensten Renommees und Preislagen blind zu degustieren. Völlig vorurteilsfrei zu degustieren, ist sehr lehrreich, aber auch verwirrend und vor allem beschämend. Schon manches Mal habe ich unbekannte und preiswerte Weine den grossen Stars vorgezogen. Am Anfang war es für mich als Profi unter Amateuren ein bisschen demütigend. Doch mit der Zeit lernte ich, dass Degustationskenntnisse nicht unfehlbar sind und dass sich die Geschmackswahrnehmung je nach Stimmung, Gemütslage oder Tagesform ändert. Einen Wein blindlings zu entdecken ist nicht minder befriedigend, als wenn es sich um einen renommierten Wein handelt; das gehört zu den Freuden des Weins, solange man nur nicht dem Snobismus und elitärem Denken verfällt. Einen Grand Cru classé oder einen grossartigen Wein geschenkt zu bekommen, bleibt ein grosses Vergnügen, und ihn zu teilen ein noch grösseres.

Wir sind heute also alle Etikettentrinker, und um welchen Wein es sich auch handeln mag, man muss ihm immer mit Respekt und Demut begegnen, bevor man ihn beurteilt.

Text: Gilles Besse