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Heida, der neue Schweizer Sortenstar

Die uralte Heida-Traube erlebt momentan eine regelrechte Renaissance. Zu recht: Wir prophezeien eine grosse Zukunft.

Wenn Jean-René Germanier sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann ihn wenig davon abhalten. Jedenfalls nicht die Kleinigkeit, dass der Rebberg, in den er sich vor ein paar Jahren verliebte, in rund 40 Parzellen zerstückelt war und halb verwildert dalag. Auch die kesselförmige Lage und die 150 Meter Gefälle, welche die Bewirtschaftung zur Knochenarbeit machen, spornten ihn wahrscheinlich eher noch an. Und dass es dort im Sommer über 40 Grad heiss wird – nun, dafür hat man ja den Blick auf die Gletscher. Wenn der Walliser Winzer und Nationalrat eines kann, dann verhandeln. Wenn es sein muss, mit jedem Parzellenbesitzer einzeln. Und so ist er seit 2010 Pächter dieses Grundstücks an halsbrecherischer Lage: 1,5 Hektar Rebfläche, in denen Wildbienen nisten und Hirsche und Wildschweine gerne mal die Zäune durchbrechen.

Welche Rebsorte er dort pflanzen wollte, wusste Germanier von Beginn weg: Heida. Denn diese weisse Traube ist genauso ursprünglich wie der besagte Ort. Das verrät schon ihr Name, der auf eine Abstammung noch vor der Christianisierung hinweist. Im Südtirol kennt man die Rebe als Traminer; im Jura, wo man sie zur Spezialität Vin jaune verarbeitet, heisst sie Savagnin blanc (wie übrigens auch in Genf). In der Schweiz, seien wir ehrlich, krähte lange kein Hahn nach ihr. Doch fragen Sie heute passionierte Winzer nach der Traubensorte mit dem grössten Potenzial, und jeder zweite wird Ihnen antworten: «Heida.» Der Rest sagt wahrscheinlich «Païen», so heisst sie nämlich im frankofonen Wallis.

Was macht diese Traube so besonders? In einer Zeit, in der viele Weissweine aufgrund kühler Vergärung und standardisierter Hefen immer austauschbarer werden, sind Heida-Weine echte Charaktertropfen. Sie duften nach Zitrus und exotischen Früchten, nach grüner Nuss und Honig und zeigen oft leicht rauchige Anklänge. Und hier sprechen wir erst von ihrer Jugend! Denn Weine aus dieser besonderen Traube haben noch eine weitere Eigenheit: Mit ihrem fülligen Körper und ihrer strukturgebenden Säure halten sie sich weit besser als viele Rotweine. Die besten Exemplare überstehen locker 20 Jahre im Keller und werden dabei immer noch delikater. Tipp: Ein gereiftes Exemplar zu einem echten Walliser Raclette vermag selbst eingefleischte Chasselas-Jünger zu bekehren.

Jean-René Germanier ist übrigens nicht der Erste und Einzige, der mit der Heida-Traube hoch hinaus will. Den wohl bekanntesten Wein keltert die St. Jodern Kellerei in Visperterminen im Oberwallis – mit 1150 Metern ist dieser Rebberg der höchste Europas. Weinfreunde können ihn mittels eines Reblehrpfades erwandern. Am Ende wartet dann eine Degustation, bei welcher der Wanderer am eigenen Gaumen erfährt, was Winzer längst wissen: Für Heida lohnt sich jede Mühe.

 

Text: Britta Wiegelmann