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Die perfekte Nase …

... gibt es nicht! Warum selbst Profiverkoster manchmal Rot nicht von Weiss unterscheiden können, und warum Training mehr zählt als Talent.

Stellen Sie sich folgendes Experiment vor: Sie verbinden Onkel Hugo, dem erklärten Weinkenner der Familie, die Augen und setzen ihm zwei Gläser vor. Der Wein im einen Glas ist weiss, jener im anderen rot. Blind soll der Proband nun den beiden Müsterchen die passenden Farben zuordnen. Er schnuppert intensiv an beiden Gläsern, überlegt verdächtig lange hin und her – und tippt am Ende genau falsch. Ist ja lächerlich, oder? Szenenwechsel. Stellen Sie sich nun den Verkostungssaal der Fakultät für Önologie der Uni Bordeaux vor. Hier werden nicht nur die besten Weinmacher der Welt ausgebildet, hier trainieren auch Mitarbeiter so renommierter Châteaux wie Latour oder Yquem regelmässig ihre Verkostungsfähigkeiten. Heute ist der erste Tag eines einwöchigen Auffrischungskurses. Der Saal hat kein Tageslicht, stattdessen wird er von speziellen Lampen mit orangefarbenem Licht erhellt, welche der Umgebung jegliche Farbe rauben und sie in Grautöne tauchen. Vor den Kandidaten stehen zwei Gläser Wein. Die Aufgabe: Sie wissen schon. Das Resultat: das gleiche wie bei Onkel Hugo! Na, immer noch so lächerlich?

Die Nase ist ein kurioses Organ. Einerseits besitzt die Riechschleimhaut auf der winzigen Fläche einer 1-Franken-Münze rund 20 Millionen Riechzellen. Andererseits schafft es kein Mensch auf der Welt, aus einer komplexen Duftmischung mehr als fünf oder sechs Komponenten herauszuriechen. Auch funktioniert die Nase auf viel subtilere Art und Weise als etwa das Auge. Visuelle Eindrücke wirken 10 Mal schneller und 20 Mal stärker aufs Gehirn als Geruchsreize. Dafür nehmen Düfte, im Gegensatz zu anderen Sinneseindrücken, ohne Umweg Kurs auf die Amygdala, das Gefühlszentrum des Gehirns. Kein Wunder, sind Verkoster verwirrt, wenn man ihnen die Augen verbindet: Jeder zuverlässigen visuellen Information beraubt, werden sie von rund 500 verschiedenen Duftmolekülen überwältigt (so viele enthält nämlich ein einziger Wein), die sich gegen jede rationale Beurteilung hartnäckig sträuben.

Die gute Nachricht: Man kann die Nase trainieren. Und zwar erstaunlich schnell. Am besten geht das durch Wiederholung. Trinken Sie zwei Wochen lang nur Pinot noir. Oder Chasselas. Oder Syrah. Schnuppern Sie ganz intensiv an jedem einzelnen Wein. Und machen Sie sich die emotionale Seite Ihrer Nase zur Verbündeten: Analysieren Sie nicht, prägen Sie sich das erste Bild ein, das bei einem bestimmten Aroma vor Ihrem inneren Auge auftaucht. Wetten, Sie werden viele Tropfen bald zuverlässig identifizieren? Und falls nicht, trösten Sie sich: Die Uni Bordeaux suchte jahrelang nach der perfekten Nase. Hunderte von Testpersonen wurden mit Duftmolekülen bombardiert und verkosteten Wein um Wein. Heute sind sich die Koryphäen sicher: Die Supernase ist ein Mythos – und Ihre eigene ist schwer in Ordnung!

 

Text: Britta Wiegelmann