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Wie Rebsorten kommunizieren

Terroir ist ein arg strapazierter und häufig diskutierter Modebegriff. Eine deutsche Übersetzung existiert nicht.

Unter diesem französischen Ausdruck versteht man indes nicht nur den Boden, sondern ebenso die Topografie einer bestimmten Weinbau-Lage sowie deren Wechselwirkungen auf das Klima. Die ganzheitliche Kombination aller Faktoren verleihe jedem Rebberg sein bestimmtes Terroir, das sich dann in den Weinen mehr oder weniger einheitlich ausdrücken werde, schreibt die englische Master of Wine Jancis Robinson in ihrem Werk "Oxford Weinlexikon".

Nun, es gibt Rebsorten, die das Terroir oder den Boden besonders gut im Wein interpretieren können. Ein grossartiger Kommunikator ist zweifellos der Riesling, weil er die entsprechenden Unterschiede deutlich in seinen Aromen, Geschmacksnoten und in seiner Balance zeigt. Je nach Bodentyp entsteht ein eigenständiger Weintypus. Steinige Böden, etwa Schiefer, neigen zu schlanken, frischen Weinen mit prägnanter Säure. Gewächse, die von Kalklehmböden stammen, wirken fruchtig und geschmeidig. Wächst der Riesling auf Tonböden, zeichnet er sich vor allem durch Kraft aus. In Deutschland, eines der bedeutendsten Riesling-Länder, dominieren vor allem Schieferböden in unterschiedlichen Farben. Auch unser Monatswein, der Riesling Lorch 2015 der Rheingauer Winzerin Eva Fricke, bezieht seine ausgeprägte Frische und Mineralik aus Schieferböden.

Riesling spiegelt nicht nur perfekt die Bodenunterlage wider, sondern ist auch eine der vielfältigsten Varietäten. Die Weissweine können entweder knochentrocken oder süss sein, mit entsprechenden Variationen dazwischen. Sie sind leicht, mit wenig Alkohol, oder schwer, aber niemals plump. Die leichten Weine eignen sich als Apéro. Riesling ist aber auch ein ausgesprochen guter Essensbegleiter. Der "Planet Riesling", so der Titel eines Buches des deutschen Autors Stuart Pigott, umfasst nicht nur Deutschland, sondern viele Regionen über den gesamten Erdball. In Europa ist es vor allem Österreich, Elsass und vereinzelt Südtirol. In der Neuen Welt liefern die Westküste der USA (Washington, Oregon) und Australien bemerkenswerte Beispiele.

Während Riesling bei den Weissen zu den grossen Sorten der Welt zählt, ist es Pinot noir bei den Roten. Die Traube hat die gleiche Eigenschaft wie der Riesling: Sie ist fähig, die Herkunft einer bestimmten Rebbergs-Lage in den Wein zu transportieren. Pinot noir stammt aus dem Burgund, wo sich die wunderbar duftenden, filigranen Gewächse je nach Ort und Lage – die Franzosen nennen es "climate" – unterscheiden. Wer ein geübter Degustator und Kenner der Region ist, findet die Nuancen zwischen einem Gevrey-Chambertin, Chambolle-Musigny oder Vosne-Romanée heraus. Für die anderen Geniesser ist das Burgund oft ein Buch mit sieben Siegeln.

Pinot noir ist ein höchst sensibler Geselle. Wird er am falschen Ort angebaut, entstehen nichtssagende, karge Weine. Ein zu heisses Klima ist Gift. Die Trauben neigen wegen der dünnen Häute zudem zu Fäule bei Regen im Herbst. Dadurch wird die Qualität rasch beeinträchtigt. Das gleiche gilt, wenn die Produzenten zu viel hängen lassen. Die Erträge müssen strikt reduziert werden. So erstaunt es nicht, dass im Burgund Himmel und Hölle sehr oft nahe beieinander liegen. Und doch lassen stets Trouvaillen finden, wie etwa unser Mercurey Champs Martin 2014 von Bruno Lorenzon (siehe Angebot unter Peter Keller Raritäten) zeigt. Abgesehen von Frankreich nimmt der Pinot noir oder Spätburgunder in Deutschland, in der Schweiz, im Südtirol sowie in Neuseeland und Oregon eine starke Position ein.

 

Peter Keller, September 2016