Zurück zum Profil

Geniale Entdeckung aus dem Rheingau

Die noch wenig bekannte deutsche Winzerin Eva Fricke sorgt für Riesling-Höhepunkte. Die Quereinsteigerin keltert schwerelose, filigrane Terroir-Weine von schöner Intensität.

Rheingau ist eines der 13 deutschen Anbaugebiete. Auf einem schmalen Streifen rechts des Rheins zwischen der Stadt Wiesbaden und dem kleinen Ort Lorch sind 3100 Hektaren mit Reben bestockt. Vier Fünftel der Fläche entfallen auf Riesling. Das Weingut Robert Weil ist der bekannteste Betrieb in dieser relativ kleinen Anbauregion.

Doch diesmal führt die Reise zu einem noch wenig bekannten Gut. Die junge Winzerin Eva Fricke ist erst seit knapp zehn Jahren ihre eigene Chefin und daran, ihre Domäne sukzessive zu vergrössern. Heute bewirtschaftet die Quereinsteigerin, die ursprünglich Bierbrauerin werden wollte, rund 7,5 Hektaren. Das Berufsziel kam nicht von ungefähr, stammt doch die Deutsche aus der norddeutschen Stadt Bremen, wo eher dem Gerstensaft statt dem Wein gehuldigt wird. Fricke, ohne familiären Winzer-Hintergrund, begann bei Null und finanziert den gesamten Aufbau ihres Guts aus eigener Tasche. Vor der Selbständigkeit bildete sie sich an der deutschen Weinfachhochschule in Geisenheim zur Önologin aus und sammelte bei verschiedenen Gütern in der Neuen und Alten Welt wertvolle Erfahrungen, zuletzt als Betriebsleiterin beim Weingut Johannes Leitz in Rüdesheim (Rheingau).

"Das Anbaugebiet Rheingau fasziniert mich wegen den diversen Bodentypen und dem unterschiedlichen Mikroklima auf einem relativ kleinen Raum", begründet Eva Fricke ihre Wahl. Sie hat steile Rebberge in Lorch, die brach lagen, gefunden. In einem Ort, in den eigentlich niemand wollte. Heute wird das anders gesehen, denn die Lagen gelten als hochwertig. Fricke arbeitet nach ökologischen Methoden. In weiteren Weingärten in Kiedrich, wo auch ihr Weinkeller ist, erfolgt die Umstellung in diesem Jahr.

Ihr Ansatz bei der Weinproduktion ist klar: In den Weinen soll der Charakter einer Lage herausgearbeitet werden. "Das Ziel besteht darin, ein geschmackliches Bild zu zeichnen", erklärt Fricke, die über ein grosses Wissen verfügt und sich differenziert über ihre Ideen und Weine äussert. Die Winzerin lässt sich nicht auf ein bestimmtes Bild fixieren. Sie weiss, was sie will, ist sich aber bewusst, stets dazu lernen zu müssen. Den Tages-Rhythmus bestimmt indes die Natur.

Das Ergebnis der Arbeit ist faszinierend. Die One-Woman-Show Fricke, die erst seit kurzem eine Assistentin eingestellt hat, keltert ungemein klare, gradlinige, individuelle Weissweine, die sich je nach Lage deutlich voneinander unterscheiden. Vielleicht seien es die modernsten Rieslinge in Deutschland, urteilte das deutsche Fachmagazin "Fine" letzthin. Jedenfalls sind es Gewächse, die berühren und mit ihrer inneren Spannung faszinieren. Sie sind intensiv – trotz oder wegen des tiefen Alkoholgehalts, der selten die Grenze von 12% überschreitet. Wer frische, säurebetonte, nie süss wirkende Weine mit schöner Fruchtfülle liebt, kommt voll auf seine Rechnung. Aus den Lagen Schlossberg und Krone will Fricke jeweils den Top-Wein herstellen. Die Lage Seligmacher wird als Zweitwein eingestuft. Von den Ortsweinen Lorcher und Kiedricher Riesling gibt es je nach Jahrgang neben der trockenen Version auch einen feinherben Wein, also mit wenig Restsüsse. Der Gutswein Rheingau Riesling rundet das Sortiment ab.

Eva Fricke ist ein Name, den man sich merken sollte. Drei ihrer Weine sind im NZZ-Weinsortiment erstmals in der Schweiz erhältlich (siehe Angebot). Es seien sensationelle Gewächse und eine grosse Leistung für jemanden aus dem Bier liebenden Norden Deutschlands, bilanzierte der deutsche Weinkritiker Stuart Pigott in seinem Buch " Planet Riesling". Diesem Urteil ist nichts beizufügen.

Text: Peter Keller