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Es muss nicht immer Champagner sein

Nie werden mehr Schaumweine getrunken als an den bevorstehenden Festtagen. Oft ist es ein prestigeträchtiger Champagner oder ein günstiger Prosecco. Doch es gibt eine spannende Alternative.

Durchschnittlich trinkt der Schweizer 2,3 Liter Schaumwein pro Jahr, das meiste an Weihnachten und Silvester. Prosecco aus Italien ist inzwischen beliebter als der luxuriöse Champagner. Der Erfolg lässt sich leicht erklären: Das prickelnde Getränk, dessen zweite Gärung in einem Tank stattfindet, ist frisch, fruchtig, günstig und somit massentauglich. Mehr Prestige verspricht ein Champagner, der nach allen Regeln der Kunst vermarktet wird. Es existiert in Sachen Schaumwein kein stärkeres Label.

Doch die Qualitäten vermögen die hohen Erwartungen nicht immer zu erfüllen. Vielfach ist das Marketing wichtiger, denn es wird viel Geld für Partys, Events und prominente Werbeträger ausgeben. Gutes Beispiel: Moët Chandon aus dem Hause LVMH verpflichtete den Schweizer Tennisstar Roger Federer. Diese Entwicklung gefalle ihm nicht, erklärte kürzlich Maurizio Zanella in der Fachzeitschrift "Merum". Obwohl er nicht aus der Champagne stammt, hat sein Urteil durchaus Gewicht. Der Italiener ist Präsident des Schutzkonsortiums Franciacorta und Chef des Schaumwein-Herstellers Ca'del Bosco.

In der zur Lombardei gehörenden Franciacorta werden flaschenvergorene Schaumweine produziert - und damit nach dem gleichen Prinzip wie Champagner. Dies führt zwangsläufig dazu, dass die beiden Gewächse miteinander verglichen werden. Doch die Gemeinsamkeiten sind an einem kleinen Ort zu finden. Die perlenden Weine aus der Franciacorta setzen sich vorwiegend aus Chardonnay und kleinen Anteilen Pinot nero und Pinot bianco zusammen. In der Champagne hat Chardonnay in den Cuvées weniger Gewicht, ausser es handelt sich um einen Blanc de Blancs. Dazu kommen Pinot noir und Pinot meunier. Auch die Böden unterscheiden sich wesentlich. Zudem ist das Klima in der Franciacorta wärmer als in der nördlichen Champagne. Das ergibt andere Grundweine.

Labels aus der Franciacorta sind im Ausland praktisch unbekannt, werden doch nur knapp 10% der Jahresproduktion von 15,5 Millionen Flaschen exportiert. Die Schweiz zählt zu den wichtigsten Märkten. Die Produkte fristen hierzulande indes ein Nischen-Dasein. Das ist schade, denn die Schaumweine aus der Franciacorta erreichen oft ein hohes Niveau und sind für mich mehr als ein Geheimtipp. Dazu kommt, dass sich der Branchenverband sehr strenge Produktionsregeln auferlegt hat. So muss etwa der Wein ohne Jahrgangsangabe nach der zweiten Gärung mindestens 18 Monate Hefe liegen (Champagner: 15 Monate). Bei einem Jahrgänger sind es 30 Monate, bei einer Riserva-Qualität gar 60 Monate. Die Spitzenproduzenten übertreffen diese Mindestdauer bei jedem Typ. Ein Franciacorta eignet sich als Apéritif, aber auch ebenso gut als Essensbegleiter. Es lohnt sich, statt eines Prosecco oder Champagner zwischendurch diesen italienischen Preziosen eine Chance zu geben. Dies beweist auch meine Wahl: Das Gut La Ferghettina weiss mit charaktervollen Perlen zu glänzen.

Text: Peter Keller