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Die Leichtigkeit des Seins

Die Weine werden immer schwerer und alkoholreicher. Diese Entwicklung ist der Klimaerwärmung und der Tatsache geschuldet, dass die Winzer die Trauben sehr reif oder gar überreif ernten.

Doch langsam setzt eine Gegenentwicklung ein: Elegante, leichtere und bekömmliche Gewächse sind im Aufwind. Was spricht für diese Weine? Wie werden sie definiert?

Einer, der es wissen muss, ist der österreichische Winzer Roland Velich. Er ist im Burgenland zu Hause und konzentriert sich in seiner täglichen Arbeit auf die einheimische Sorte Blaufränkisch. Für ihn zählt nicht die Opulenz, die schiere Wucht und Kraft eines Weines. Seine Crus bestechen vielmehr durch Feinheit, Eleganz und durch den nachhaltigen, vom Goût de Terroir geprägten Charakter. Goût de Terroir heisst: Es ist der Geschmack, den ein kleines Stück Erde in Kombination mit einer Rebe hervorbringen kann. Velich definiert einen delikaten Wein in dem Sinne, dass sich Alkohol, Tannin und Säure in einer Balance befinden. Wein löscht den Durst, sollte Lust auf einen weiteren Schluck machen und nicht einen Liter Wasser zur Begleitung brauchen, damit man ihn runterbringt.

Der Klassiker unter den finessenreichen Weinen ist der Burgunder. Ein (gutes) Beispiel, egal ob aus Pinot noir oder Chardonnay, ist niemals beschwerlich, opulent oder gar sättigend. Allerdings ist es nicht ganz einfach, solche Gewächse zu finden. Zu viel Mittelmass hat der Appellation geschadet. Meistens liegt zwar der Grand Cru qualitativ über dem Premier Cru oder gar dem Gemeindewein. Aber man sollte etwas Wissen darüber haben, welcher Winzer über welche Lagen verfügt und welchen Weinstil pflegt.

Gerade in den warmen Sommermonaten drängt sich bei zahlreichen Gelegenheiten ein filigraner, leicht gekühlter Pinot noir auf. Neben dem Burgund hat auch die Schweiz in dieser Beziehung einiges zu bieten, zählt doch die Sorte zu den am meisten angebauten Varietäten. Federführend ist die Bündner Herrschaft. Aber auch aus dem Kanton Schaffhausen, der sich selbstbewusst Blauburgunderland nennt, kommen schöne Weine, ebenso aus Zürich und dem Thurgau. An die Stelle der einfachen Beerliweine der Vergangenheit sind heute gut strukturierte, elegante Gewächse getreten.

Auch der zu Beginn erwähnte Blaufränkisch erfüllt die Voraussetzungen für einen Sommerwein, sofern er nicht zu spät geerntet und zu lange im Holzfass ausgebaut wird. Die Sorte wird ausschliesslich in Mittel- und Osteuropa angebaut, auch unter anderen Namen wie Lemburger (Deutschland) und Kékfrankos (Ungarn). Derzeit sind es rund 5000 Hektaren. Voraussetzungen sind ein mildes Klima und windgeschützte Standorte. Die Sorte ist frühaustreibend und daher durch Frost gefährdet.

 

Peter Keller, Juni 2016