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Das Land der unzähligen Rebsorten

Italien zählt zusammen mit Frankreich und Spanien flächen- und produktionsmässig zu den Grossen Drei im Wein-Business.

Das südliche Nachbarland der Schweiz verfügt indes über einen Weinschatz, der nirgendwo zu finden ist.

Die Rede ist von über 2000 verschiedenen Rebsorten, wobei aber "lediglich" rund 400 offiziell zugelassen sind. An der Spitze steht der Sangiovese, Hauptbestandteil des Chianti Classico, Brunello di Montalcino oder Vino Nobile di Montepulciano, mit einer Rebfläche von rund 70'000 Hektaren. Neben klassischen Sorten findet man in Italien eine Reihe von weniger geläufigen Trauben. Zwei eigenständige und hochwertige Beispiele stelle ich etwas näher vor: Aglianico aus der Basilikata und Kampanien sowie Sagrantino aus Umbrien.

Aglianico steht im Gegensatz zum Primitivo selten im hellen Scheinwerferlicht der Konsumenten. Das ist bedauerlich, denn die Rebsorte zählt gewiss zu den herausragendsten autochthonen Sorten Italiens. Die Leiterin des Weinguts Basilisco aus der Basilikata, Viviana Malfarina, ist gar überzeugt, dass Aglianico der Sangiovese-Traube überlegen und qualitativ mit dem Nebbiolo vergleichbar sei. Allerdings handelt es sich um eine Varietät, die nicht auf den ersten Blick gefällt. Als Problem erweisen sich oftmals die massiv vorhandenen Tannine, welche die Weine gerade in der Jugend unnahbar machen. Geduld wird jedoch belohnt. Auch die Säure ist beim Agliancio ausgeprägt.

Die Rotweine, welche die Besonderheiten der Rebsorte am eindrucksvollsten zum Ausdruck bringen, kommen aus Kampanien und der Basilikata. In der ersten Region befindet sich das Anbaugebiet Taurasi. Die Reben wachsen vorwiegend auf hellen, von Tuffstein oder Kalkgestein durchsetzten Lehmböden mit geringem Sandanteil.  Ein anderes Terroir ist in der Basilikata zu entdecken, wo vulkanische Böden, die sich am Fusse des erloschenen Monte Vulture befinden, vorherrschen. Beiden Gebieten ist gemeinsam, dass die Sommer heiss und trocken sind. Da die Rebberge jedoch oftmals auf einer Höhe zwischen 450 und 600 Metern über Meer liegen, kühlt es in der Nacht ab. Die Temperaturschwankungen sorgen für die notwendige Säure im Wein. Für entdeckungsfreudige Geniesser bietet der Aglianico unzählige Facetten.

Das gleiche gilt für den in Umbrien beheimatete Sagrantino. Die Sorte wird um das Bergdörfchen Montefalco angebaut. Sie zeichnet sich ebenfalls durch eine spezielle Tanninstruktur aus. Die besten, als Sagrantino di Montefalco gekennzeichneten Weine, verfügen über viel Köperreichtum und kräftige Gerbstoffe. Eine Untersuchung hatte ergeben, dass der Tanningehalt der Traube je nach Vinifikation variiert und der Polyphenolgehalt um 20% höher ist als bei anderen Rotweinsorten gleicher Jahrgänge.

Die Sorte wurde wahrscheinlich im 15. Jahrhundert von Franziskanermönchen nach Montefalco gebracht. Neben trockenen Crus eignet sich der Sagrantino auch zur Bereitung von langlebigen Süssweinen. Diese Gewächse wurden seinerzeit als Messwein eingesetzt. Au dieser Zeit stammt auch der Name Sagrantino: vino sacro. Der umbrische Pionier für Qualitätsweine, das Weingut Lungarotti aus Torgiano, ist ebenfalls vom Potenzial der Sorte überzeugtund hat in Montefalco einen zweiten Weinkeller gebaut. Der Sagrantino di Montefalco wird ausschliesslich aus dieser Sorte gekeltert und muss mindestens 37 Monate reifen. Der fruchtigere Rosso di Montefalco besteht zu lediglich 10 bis 15% aus Sagrantino. Hauptanteil ist Sangiovese, ergänzt durch etwas Merlot oder Cabernet Sauvignon.

 

Peter Keller, August 2016